Der Kopf des Ghuls
Algol ist eine Übersetzung. Die Griechen sahen in diesen Sternen Perseus, der das Haupt der Gorgo emporhält. Der hellste Stern dieses Hauptes wurde bei den arabischen Astronomen zu raʾs al-ghūl, „Kopf des Ghuls“ oder des Dämons. Der ghūl ist ein Unhold der arabischen Volksüberlieferung; das Englische machte daraus den „Demon Star“. Schon im 2. Jahrhundert nennt Ptolemäus den Stern in der Tetrabiblos „die Gorgo des Perseus“ und bringt ihn mit dem Tod durch Enthauptung in Verbindung.
Ein Stern mit dämonischem Namen, der alle 2 Tage und 21 Stunden die Augen niederschlägt.
Das Lateinische konnte sich nicht entscheiden. Der amerikanische Gelehrte Richard Hinckley Allen schreibt 1899 den Namen Caput Gorgonis, „Haupt der Gorgo“, Hyginus zu, Gorgoneum Caput dagegen Vitruv. Daneben gibt es Gorgonea Prima, „die erste der Gorgo“, und im 16. Jahrhundert Caput Larvae, „Kopf des Gespensts“. Noch 1783 schreibt John Goodricke über „the bright Star in the Head of Medusa, called Algol“. Durchgesetzt hat sich der arabische Name: Seit dem 30. Juni 2016 ist Algol der offizielle Name von Beta Persei, genehmigt von der Arbeitsgruppe für Sternnamen der Internationalen Astronomischen Union.
In China heißt der Stern 大陵五, der fünfte Stern des Großen Mausoleums, eines Asterismus aus acht Sternen im Mondhaus des Magens. Die astronomische Abhandlung des Jin shu sagt, diese acht Sterne „walten über große Trauerfälle“ (unsere Übersetzung). Allen gab ihm einen noch grausigeren chinesischen Namen, „die aufgehäuften Leichen“; der gehört aber eigentlich seinem Nachbarn Pi Persei. Gut belegt ist dagegen der schlechte Ruf: Nach Allen hielten Astrologen Algol für „the most unfortunate, violent, and dangerous star in the heavens“. Überlieferte Tradition, kein Wetterbericht.
Perseus und die Gorgo
König Polydektes von Seriphos schickt Perseus, den Sohn des Zeus und der Danaë, aus, ihm das Haupt der Medusa zu bringen. Bei Apollodor beginnt das Abenteuer mit einem Diebstahl. Die Graien, drei Schwestern, besitzen zusammen nur ein Auge und einen Zahn. Perseus nimmt sie ihnen ab und gibt sie erst zurück, als sie ihm den Weg zu den Nymphen weisen. Von den Nymphen bekommt er Flügelsandalen, eine Tasche, die kibisis, und den Helm des Hades, der unsichtbar macht.
Hyginus erzählt dieselbe Fahrt mit anderen Lieferanten: Merkur leiht ihm die Flügelschuhe und den Hut, Vulcanus ein Messer aus Adamant. Bleibt die Frage, wie man sich den schlafenden Gorgonen nähert, ohne ihrem Blick zu begegnen. Nach Apollodor schaut Perseus auf ihr Spiegelbild in einem bronzenen Schild, und Athene führt seine Hand. Aus dem durchtrennten Hals springt Pegasus, das geflügelte Pferd.
Ovid fügt in den Metamorphosen zwei Szenen hinzu. An einem Strand in Äthiopien legt Perseus das Haupt auf ein Bett aus Blättern und frischem Seetang, der bei der Berührung erstarrt: Seither, schreibt er, wird die Koralle an der Luft hart. Außerdem erklärt er die Schlangen. Medusa war für ihre Schönheit berühmt, vor allem für ihr Haar. Neptun vergewaltigte sie im Tempel der Minerva, so heißt es, und bestraft wird ausgerechnet Medusa: Die Göttin verwandelt ihr Haar in Schlangen. Nach Hyginus landet das Haupt auf dem Brustpanzer der Minerva; bei Ovid trägt die Göttin die Schlangen auf der Brust. Am Himmel hält Perseus es in der Hand.
Eine ganze Familie am Himmel
Dieser Strand in Äthiopien ist das Reich von Kepheus und Kassiopeia. Ihre Tochter Andromeda ist dort an einen Felsen gekettet, ausgeliefert dem Ketos, einem Meeresungeheuer, das Poseidon mit einer Flut geschickt hat. Alle geben Kassiopeia die Schuld, nur nicht für dasselbe. Bei Apollodor hat sie die Nereiden an Schönheit herausgefordert; Hyginus schreibt diese Prahlerei in seinem astronomischen Werk Euripides, Sophokles „und vielen anderen“ zu. In seinen Fabulae rühmt Kassiopeia dagegen die Schönheit ihrer Tochter. Ovid hält sich nicht mit Einzelheiten auf: Die unschuldige Andromeda büßt für „die Zunge ihrer Mutter“, auf Befehl Ammons, „des Ungerechten“.
Perseus tötet das Ungeheuer und befreit die Prinzessin. Phineus, Bruder des Kepheus und Verlobter Andromedas, verschwört sich mit seinen Anhängern gegen die Hochzeit. Perseus hält ihnen die Gorgo entgegen, und sie werden zu Stein. In den Fabulae heißt dieser Verlobte Agenor.
Danach zieht nach Hyginus die ganze Familie an den Himmel. Die Götter zählen Kepheus zu den Sternbildern. Andromeda verdankt ihren Platz der Gunst der Minerva, wegen der Tapferkeit des Perseus; Perseus selbst seiner edlen Art und seiner ungewöhnlichen Zeugung (Zeus kam, so Ovid, als Goldregen zu Danaë). Auch Kassiopeia ist dort, aber zur Strafe: Auf ihrem Stuhl sitzend, scheint sie wegen ihrer Gottlosigkeit von der Drehung des Himmels rücklings davongetragen zu werden. Perseus gehört zu den 48 Sternbildern des Ptolemäus. Das Ungeheuer hat ebenfalls eines, den Walfisch; er bekommt später einen eigenen Artikel.
Ein Achtzehnjähriger in York
Dass Algol seine Helligkeit ändert, steht in keinem antiken Text, den wir gelesen haben. Der erste namentlich bekannte Astronom, der es festhielt, ist Geminiano Montanari, Professor für Mathematik in Bologna, um 1667. Ein Jahrhundert später kennt John Goodricke diese Beobachtung nur aus einem lateinischen Satz in Du Hamels Geschichte der Académie des sciences, unter dem Jahr 1695. Montanari bezeugt darin, dass der helle Stern der Medusa von Jahr zu Jahr seine Größe ändert, und Maraldi sah ihn 1694 bald vierter, bald dritter, bald zweiter Größe.
Goodricke wurde 1764 in Groningen geboren und ist seit früher Kindheit taub. In York freundet er sich mit seinem Nachbarn Edward Pigott an, Astronom und entfernter Cousin. „The first time I saw it vary was on the 12th of November 1782, between eight and nine o’clock at night“: An diesem Abend erscheint Algol vierter Größe, schon am nächsten Tag wieder zweiter, in seiner gewöhnlichen Helligkeit. Am 28. Dezember sieht er den Stern in drei Stunden von der vierten zur zweiten Größe aufsteigen. Er ist „much surprized“ und benachrichtigt sofort Pigott, dessen Beobachtungen mit den seinen übereinstimmen.
Am 12. Mai 1783 schreibt er an Anthony Shepherd, Professor in Cambridge, mit der Bitte, seine Beobachtungen der Royal Society vorzulegen; verlesen werden sie dort am 15. Goodricke nennt zunächst eine Periode von etwa zwei Tagen und einundzwanzig Stunden, nach seiner Beobachtungstabelle dann „about every two days and nearly twenty hours and three quarters“. Er wagt zwei Erklärungen: ein großer Körper, der um Algol kreist und sich vor ihn schiebt, oder ein Stern, der sich dreht und zeitweise eine mit Flecken bedeckte Seite zeigt. Dann nimmt er sich zurück. Er wolle „facts, not conjectures“ mitteilen.
Die Royal Society verleiht ihm die Copley-Medaille für 1783, gemeinsam mit Thomas Hutchins. Von 1781 bis 1786 verfolgen Pigott und er weitere Veränderliche, darunter Beta Lyrae und Delta Cephei, den Prototyp der Cepheiden. Am 16. April 1786 wird Goodricke Mitglied der Royal Society. Vier Tage später stirbt er, vermutlich an einer Lungenentzündung, 21 Jahre alt, ohne davon erfahren zu haben.
Eine Bedeckung, kein Zwinkern
Goodrickes erste Hypothese war die richtige. Der Beweis ließ ein Jahrhundert auf sich warten. 1881 zeigt Pickering, dass Algol ein Bedeckungsveränderlicher ist; 1889 findet Vogel in seinem Spektrum die periodischen Dopplerverschiebungen eines Sterns, der einen anderen umkreist. 1910 legt Stebbins mit einer Selenzelle die erste lichtelektrische Untersuchung eines veränderlichen Sterns vor.
Algol, 94 Lichtjahre entfernt, ist ein System aus mindestens drei Sternen. Die beiden, die sich bedecken, umkreisen einander in 2,867 Tagen: ein heißer Stern vom Typ B8 mit 3,2 Sonnenmassen und ein Unterriese vom Typ K0, kühler und lichtschwächer, mit 0,7 Sonnenmassen. Schiebt sich der Unterriese vor seinen Begleiter, sinkt die Helligkeit von 2,1 auf 3,4 Größenklassen; diese partielle Bedeckung dauert etwa zehn Stunden. Ein dritter Stern, vom Typ F1, umläuft das Paar in rund 680 Tagen.
Mit bloßem Auge sinkt Algol also von der Helligkeit Almachs, Gamma Andromedae, auf die eines ganz gewöhnlichen Sterns und kehrt dann zurück, etwa alle 2 Tage und 21 Stunden. Genaue Zeiten für die Minima nennen wir nicht: Die für diesen Herbst veröffentlichten Listen widersprechen sich. Der Rechner „The Minima of Algol“ der Zeitschrift Sky & Telescope liefert welche; prüfen Sie sie mit eigenen Augen nach.
Hatten die Ägypter es vor allen anderen gesehen? Ein Team um Lauri Jetsu und Sebastian Porceddu glaubt, im Kairoer Kalender, einem ägyptischen Kalender der glücklichen und unglücklichen Tage von etwa 3200 Jahren, einen Zyklus von 2,850 Tagen zu lesen. Es führt ihn auf Algol zurück, dessen Periode damals etwas kürzer gewesen sein soll, und sieht darin 2013 „den Rasenden“, 2018 Horus. Andere zweifeln. Krauss und Reijs veröffentlichten 2021 eine Kritik mit sprechendem Titel: „Do Ancient Egyptian Almanacs Show Evidence of Celestial Recurrence?“. Die Hypothese ist veröffentlicht und umstritten; sie bleibt eine Hypothese.
Heute Abend über Brüssel
Die astronomische Nacht beginnt um Uhr und dauert bis Uhr. Algol ist da längst aufgegangen: In Brüssel geht er nie unter. Am tiefsten Punkt, unter dem Pol, sinkt er auf 1,9 Grad über den Nordhorizont, hinter das nächstbeste Dach, und steigt dann wieder. Diesmal fällt dieser Moment mitten in den Tag.
Um Uhr steht Algol 46,5 Grad hoch im Ostnordosten, etwa so hoch wie Mirfak, der hellste Stern des Perseus. Um Uhr sind es 65 Grad, im Osten. Seinen höchsten Punkt erreicht er um Uhr, genau im Süden, in 80 Grad Höhe: Bis zum Zenit fehlen dann nur noch zehn Grad. Ein Liegestuhl ist besser als ein steifer Nacken.
Der abnehmende Mond, zu 62 % beleuchtet, geht um Uhr in den Zwillingen auf, etwa 61 Grad von Algol entfernt. Er hellt den Himmel auf, einen Stern zweiter Größe stört er aber kaum. Letztes Viertel ist am um Uhr.
Um Algol beim Schwächerwerden zu ertappen, müssen Sie nicht auf eine bestimmte Minute warten. Vergleichen Sie ihn mehrere Abende hintereinander mit Almach, der normalerweise gleich hell ist (2,1 Größenklassen), und mit Mirfak, etwas heller (1,8). An einem Bedeckungsabend wirkt Algol deutlich blasser als Almach und holt ihn binnen weniger Stunden wieder ein. Im August hat Perseus noch einen anderen Auftritt: die Perseiden, Staub des Kometen Swift-Tuttle, die aus seinem Sternbild zu kommen scheinen.
Algol in fünf Daten
Algol am höchsten
Höchststand genau im Süden um 1:11 Uhr, Brüsseler Zeit, in 80 Grad Höhe. Astronomische Nacht von 19:11 bis 5:43 Uhr; der Mond geht um 21:45 Uhr auf, zu 62 % beleuchtet.
Montanari
In Bologna bemerkt Geminiano Montanari, dass sich die Helligkeit Algols ändert. Goodricke kennt das nur aus einem Satz bei Du Hamel, unter dem Jahr 1695.
Goodricke bemerkt die Veränderung
In York, zwischen 8 und 9 Uhr abends, erscheint Algol vierter Größe. Am nächsten Tag ist er wieder zweiter Größe.
Die Periode vor der Royal Society
Goodrickes Beobachtungen werden verlesen: etwa zwei Tage und zwanzigdreiviertel Stunden, dazu die Hypothese eines großen Körpers, der den Stern umkreist.
Ein offizieller Name
Die Arbeitsgruppe für Sternnamen der IAU genehmigt „Algol“ für Beta Persei, HR 936.
Häufige Fragen
- Warum heißt Algol der Teufelsstern?
- Sein Name kommt vom arabischen raʾs al-ghūl, „Kopf des Ghuls“ oder des Dämons, daher das englische „Demon Star“. Es ist eine Übersetzung der griechischen Figur: das abgeschlagene Haupt der Medusa, das Perseus in der Hand hält und dessen hellster Stern Algol ist.
- Blinkt Algol wirklich?
- Nein. Er sinkt von 2,1 auf 3,4 Größenklassen während einer Bedeckung von etwa zehn Stunden und kehrt dann zurück, etwa alle 2 Tage und 21 Stunden. Ein kühlerer, lichtschwächerer Stern schiebt sich vor einen heißen, hellen Stern.
- Kann man heute Abend ein Minimum von Algol sehen?
- Wir nennen keine Uhrzeit: Die für diesen Herbst veröffentlichten Listen widersprechen sich. Der Rechner „The Minima of Algol“ von Sky & Telescope liefert welche. Am sichersten ist es, Algol mehrere Abende hintereinander mit Almach und Mirfak zu vergleichen.
- Wo sieht man Algol von Belgien aus?
- Am frühen Abend im Osten, immer höher. In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 2026 steht er um 1:11 Uhr, Brüsseler Zeit, genau im Süden am höchsten, in 80 Grad Höhe. In Belgien geht er nie unter.
- Wer hat die Veränderlichkeit Algols entdeckt?
- Geminiano Montanari bemerkt sie um 1667. John Goodricke, taub und 18 Jahre alt, sieht den Stern am 12. November 1782 schwanken und gibt 1783 die Periode bekannt, ermutigt von seinem Nachbarn Edward Pigott.